Krimi: Verliebt, verlobt, erschossen
© 14. März 2026 | Christin Peschke | chrissys.stories
Mit klopfendem Herzen schaue ich durch den Türspalt. Du stehst dort in deinem schicken Anzug vorm Altar und wartest auf mich. Nervös fährst du dir mit der Hand durch deine schönen schwarzen Haare und trittst auf der Stelle. »Du kannst wohl auch kaum noch erwarten, dass ich zu dir rüberkomme, oder?«, denke ich und muss lächeln. Auch ich will zu dir! Möchte so gerne »Ja« sagen und mit dir durchbrennen. Ich bin so aufgeregt! Mein Herz ist erfüllt mit Glück und Liebe. Ich atme noch ein letztes Mal tief durch, dann lege ich die Hand auf die Türklinke und will sie herunterdrücken, als plötzlich alles ganz schnell geht! Jemand packt mich fest am Arm, hält mich zurück und eine hasserfüllte Frauenstimme zischt in mein Ohr: »Oh nein! Wage es nicht durch diese Tür zu gehen, du verfluchter Bastard! Du wirst meinen Sohn nicht heiraten!«
Im gleichen Moment packt sie mich schmerzhaft am Schleier und zieht mich so heftig nach hinten, dass ich aus dem Gleichgewicht gerate. Ich spüre den Lauf einer Waffe an meinem Kopf, gefolgt von einem fast lautlosen Schuss. Das Schwarz vor meinen Augen breitet sich so schnell aus, wie ein Tropfen roter Tinte in einem Wasserglas. Ich bin sofort tot.
Um mich herum ist alles dunkel und leer. Verschwommen taucht immer wieder das gleiche Bild vor meinen Augen auf: Ein Mann in einer Kirche und wütende Beschimpfungen einer Frauenstimme hinter mir und letztlich ein markerschütternder Schmerz, der alles zerreißt und mich in der Dunkelheit zurück lässt. Immer und immer wieder. Ich rufe und versuche nach dem Mann zu greifen. Doch mit jeder Wiederholung entfernt sich alles weiter von mir und die Finsternis verschluckt mich.
Stille. Dumpf höre ich erst leise, dann immer lauter meinen eigenen Atem, als käme er aus der Ferne auf mich zu. Ich fühle die Luft in meinen Lungen. Meine Brust hebt und senkt sich schwer, begleitet von einem ruhigen Piepton.
Piep … piep … piep … piep … piep …
Irgendwie beruhigend. Bis eine tiefe Stimme mich in meinem friedlichen Schlaf stört:
»Sind Sie sicher, Doktor?«
»Ja, Schwester. Es wird Zeit, die Geräte abzuschalten. Sie wird nicht mehr aufwachen.«
Seine Stimme trifft mich, wie die Druckwelle einer Bombe. Schlagartig reiße ich die Augen auf und atme scharf ein. Der Piepton schlägt in schnellem Intervall Alarm und Doktor und Schwester schauen mich mit großen Augen überrascht an.
Ein Kopfschuss, ein Koma, ein unerwartetes Erwachen, eine Amnesie, eine Reha und unzählige unbeantwortete Fragen später – lebe ich. Sie geben mir den Namen Jane. Der Name fühlt sich fremd an, wie ein Pullover, der zwei Nummern zu groß ist. Jane ist eine Frau ohne Vergangenheit. Eine Frau, die erschossen wurde. Das bin ich! Oder nicht? War der Mann in meiner Erinnerung nur ein Traum? Wer hat mich erschossen? Und warum? Ich brauche Antworten!
Ein Jahr nach meiner Entlassung bin ich immer noch Jane. Doch das ändert sich heute. Hoffentlich! Detektiv O’Brien hat angerufen – der einzige, den ich mir leisten konnte … Er hat Neuigkeiten! Endlich! Die Ungeduld hat längst alle meine Fingernägel zerkaut. Als die Turmglocken 21 Uhr schlagen, sitze ich auf einem schäbigen Holzstuhl in O’Briens kleinem Hinterhofbüro. Alles ist rauchverhangen und wirkt wie aus einem schlechten Film. Der stämmige, alte Detektiv zieht genüsslich an seiner Zigarette. Er berichtet, dass die Kirche, auf die meine verschwommene Beschreibung passen könnte, wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war. Es gibt jedoch Gerüchte …Der Sohn einer bekannten Politikerin aus dem Ausland sei an dem Tag dort gesehen worden. O’Brien legt mir ein Paparazzi-Foto von einem Mann und einer Frau auf den Tisch – beide schick gekleidet. Politiker durch und durch.
»Sind sie das?«, sagt er nüchtern, drückt eine Zigarette in seinem vollen Aschenbecher aus, nur um sich dann eine Neue anzuzünden. Ich nehme das Foto in die Hand. Der Mann sieht tatsächlich aus, wie der aus meiner Erinnerung. Die Schmetterlinge in meinem Bauch flattern aufgeregt. »Liam! Liam? Ist das sein Name?«, sage ich leise, mehr zu mir selbst. Meine innere Stimme ist sich sicher: Ja! Das ist mein Liam! Und die Frau? Sie kommt mir seltsam vertraut vor. Da dröhnt die hasserfüllte Stimme wieder durch meinen Kopf und ich halte mir die Ohren zu, als würde das irgend etwas helfen. »Oh nein! Du Bastard!«
Was macht diese Frau so wütend, dass sie jemanden deswegen erschießen würde? Mich erschossen hat!? Weiß sie, dass ich noch lebe?
Kommentar der Autorin: Die Geschichten aus dem Schreibglas begannen Ende 2023 mit einer kreativen Schreib-Challenge auf Social Media. Ich schreibe eine Kurzgeschichte aus 5 Wörtern mit: »Genre, Hauptfigur, Ort/ Welt, Konflikt & irgendwas anderem». Seitdem steht ein hübsches Glas mit rot-weiß kariertem Deckel auf meinem Schreibtisch, gefüllt mit Worten auf bunten Zetteln. Die Geschichte »Verliebt, verlobt, erschossen« ist die 7. Geschichte aus dem Glas.
Schreibglas-Worte: Krimi – Ich – Hochzeit – Gut gegen Böse – ein Familiengeheimnis
Autorin: Christin Peschke, Lektorat: Christin Peschke, Korrektorat: Christin Peschke
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