Tim, Ritter Siggi und der weltgrößte Friedhof
© 1. April 2026 | 2. Edition | Christin Peschke | chrissys.stories
Jeden Abend, wenn alle Pflanzen auf den Gräbern bewässert, alle Tränen geweint und alle unausgesprochenen Worte ausgesprochen waren, verließen die Familien und Freunde der Verstorbenen den Friedhof und zurück blieben nur die Gräber, Grabsteine und Geister.
Davon gab es hier auf dem weltältesten Friedhof mehr, als irgendwer hätte zählen können. Der weltälteste Friedhof war nämlich gleichzeitig auch der weltgrößte Friedhof und so groß, dass man von seiner Mitte aus gesehen, hätte denken können, er würde die ganze Welt für sich einnehmen. Reihe um Reihe nur Gräber, von einer Seite des Horizontes zur anderen. Er hatte Jahrhunderte gebraucht, um diese beeindruckende Größe zu erreichen und würde auch in Zukunft stetig weiter wachsen. Gruselig, nicht wahr?
Ja, vielleicht.
Aber die Größe und das Alter alleine, waren nicht das Außergewöhnlichste an diesem Friedhof. Das war wohl der Spielplatz, der sich inmitten der Gräber, Denkmäler und Krypten auf einem kleinen Hügel befand. Dort gab es eine Rutsche und eine alte, aber solide Schaukel. Diese hing mit schweren Metallketten an einem riesigen Baum mit weit gebogenen Ästen.
Der Spielplatz war für die Kinder. Tagsüber spielten sie hier während ihre Eltern sich um die letzte Ruhestätte von Oma, Opa oder anderen beliebten Familienmitgliedern kümmerten. Manchmal zumindest. Zugegeben, war ein Friedhof wohl nicht der tollste Ort der Welt, um zu lachen und zu toben. Aber heute war so ein Manchmal-Tag.
Die Sonne war schon fast ganz untergegangen und die Dunkelheit der Nacht eroberte den Himmel. Erste Sterne leuchteten bereits auf. Der Friedhof schien verlassen. Nur Tim war noch da. Ein kleiner Junge mit struppigen blonden Haaren und einem blauen, viel zu großen Pullover, saß auf der Schaukel und hatte den Spaß seines Lebens.
Niemand hatte ihn zurückgelassen oder vergessen, keine Angst. Tim war hier, weil er es wollte.
Weil er doch so gerne schaukelte. Er konnte Stunden auf der Schaukel verbringen und das Kitzeln der aufgeregten Schmetterlinge in seinem Bauch bei jedem neuen Schwung genießen. Auf einem normalen Spielplatz ging das allerdings nicht. Dort durfte er immer nur kurz schaukeln und musste mit anderen Kindern teilen. Hier nicht! Hier kam nur selten jemand vorbei. Das wusste er von seiner Mama. Aber mal ehrlich: Würdest du als Kind deinen Mut zusammennehmen und zum Spielen auf einen Friedhof gehen?
Siehst du. Ich auch nicht.
Aber Tim war so mutig. So war er alleine hierher gekommen.
Während es nun schon richtig dunkel und kalt war und der Friedhof nur noch von wenigen Laternen beleuchtet wurde, die an den Wasserhähnen mit den Gießkannen standen, schaukelte Tim einfach weiter. Nur noch 5 Minuten. Dann nochmal nur noch 5 Minuten und dann die wirklich letzten 5 Minuten. Oder doch nicht? So quietschten und rasselten die Ketten und Ringe der Schaukel bei jedem neuen Schwung weiter vor sich hin.
Es wurde später und später und allmählich erwachten die Geister des Friedhofs und stiegen aus ihren Gräbern. Ein steinaltes Pärchen ging Hand in Hand glücklich lächelnd spazieren. Die Herren der viktorianischen Gesellschaft setzten sich zusammen und genoßen Brandy und Zigarren. Soldaten wollten mit erhobener Fahne in den Krieg ziehen, um für ihr Land und ihre Liebsten zu kämpfen, während einige Damen sich über zu enge Korsetts und zu hohe Perücken beschwerten, die es ihnen nahezu unmöglich machten, elegant aus den Gräbern zu entsteigen, um zu flanieren.
Von all dem bekam Tim nichts mit.
Unter all den Geistern aus den verschiedensten Zeiten war auch der alte, klapprige Ritter Siggi mit seinem treuen Ross Granifante. Siggi war ein richtiger Ritter. Mit Rüstung, Helm, Schild und Lanze. Mit wenig Haaren auf dem Kopf aber viel Bart im Gesicht. Bis ins hohe Alter hatte er seinem König treu gedient. Unglücklicherweise war er in der nervenaufreibenden Schlacht von 1559 gegen die Windmühlen gefallen, die hier früher gestanden hatten, als der junge, kleine Friedhof, noch in der Ferne lag. Einen eigenen Grabstein hatten Ritter Siggi und Granifante nicht. Aber Siggis Lanze steckte noch immer im hohen Gras. Sie war ein wichtiges historisches Artefakt und stand unter Denkmalschutz. So stand es zumindest auf der kleinen, weißen Plakette daneben.
Natürlich hörte Ritter Siggi die Schaukelketten rasseln und es war Musik in seinen Ohren! Hätte er nicht seinen Helm und seine Eisenhandschuhe getragen, hätte er sich wohl unverhohlen in den Ohren gebohrt, nur um zu prüfen, ob er sich nicht verhörte. Konnte es wahr sein oder spielte ihm ein neuer Nacht-Wach-Traum einen Streich? Schaukelte da tatsächlich jemand auf der Schaukel? Das musste er sehen!
»Granifante! Auf, auf zum kleinen Hügel! Das schaukelt wer!«, rief Ritter Siggi sein treues Pferdchen herbei, schnappte sich Schild und Lanze und schwang sich auf Ganifantes Rücken. Nun er versuchte es zumindest. Die Lanze blieb, wo sie war und Ritter Siggi stieg zwar schwungvoll auf, doch fiel er zugleich auf der anderen Seite wieder herunter. Granifante war das von seinem tollpatschigen Herren nicht anders gewohnt, tat als wäre nichts gewesen und wartete geduldig. Der Ritter rappelte sich wieder hoch und versuchte es erneut. Schließlich saß er beim dritten Anlauf endlich fest im Sattel und tat ebenfalls, als wäre nichts gewesen. Endlich waren sie bereit zum Aufbruch! Nichts sollte sie jetzt noch aufhalten!
Aufgeregt stürzen die beiden los. Rasten auf kurzen Wegen durch Hecken, Mauern und Grabsteine. Am Spielplatz angekommen, zog Ritter Siggi kräftig an den Zügeln und Granifante kam scheppernd neben der Rutsche zum Stehen. Der Ritter flog im hohen Bogen aus dem Sattel, direkt über die Rutsche. Ritter, Schild und Helm landeten scheppernd vor Tims Füßen. Dieser wollte tatsächlich gerade gehen, nachdem er vergessen hatte, die wievielten fünf Minuten er noch drangehängt hatte und ihm eingefallen war, dass Mama sich bestimmt Sorgen machen würde, jetzt, da es schon dunkel war. Tim hatte keine Angst im Dunkeln! Hatte er nie gehabt.
»Oh bitte«, flehte der Ritter. »Nicht aufhören! Schaukel doch bitte noch weiter. Nur noch fünf Minuten!« Er rappelte sich auf und als Tim unerschrocken den Helm des Ritters aufheben wollte, um zu helfen, griff er einfach durch diesen hindurch.
»Ach Junge, das ist nett gemeint, aber ich bin ein Geist. Lebende können mich und meine Rüstung nicht greifen«, sagte Siggi und legte seinen Helm ordentlich neben die Schaukel, wo es sich nun auch Granifante gemütlich machte. Das kleine Pferdchen stellte sich einfach neben dem dicken Baum, an dem die Schaukel hin, und döste zufrieden vor sich hin. Tim strahlte den Ritter mit großen Augen an.
»Du bist ein echter Ritter!«
Ritter Siggi nickte.
»Und ein echter Geist, oder?«
Ritter Siggi nickte erneut.
»Woah!«, platze die Begeisterung aus Tim heraus. »Das ist so cool!«
»Was machst du hier so spät alleine auf dem Friedhof, Junge?«
»Na, schaukeln, was denn sonst? Ich bin übrigens Tim und wie heißt du?«
Siggi lachte herzlich, stellte sich ordentlich hin und setze eine ernste Miene auf.
»Ich bin Ritter Siggi.«
»Willst du auch schaukeln?«
Das Tim eigentlich gerade gehen wollte hatte er schon wieder vergessen. Wann traf man auch schon mal einen echten Ritter, der auch noch ein Geist war?
»Ach Junge, du ahnst nicht, wie gerne ich schaukeln würde«, sagte der Ritter und blickte traurig auf die Schaukel. Wie viele hunderte von Tagen auf dem Friedhof hatte er schon davon geträumt, endlich wieder einmal schaukeln zu können? Als Kind war es sein liebster Zeitvertreib gewesen.
»Na dann mach doch!«, sagte Tim und hielt dem Ritter das Schaukelbrett hin.
Dieser seufzte nur und antwortete: »Wenn das doch so einfach wäre, junger Tim. Ich bin ein Geist und Geister können Schaukeln nicht bewegen.«
Während er sprach, wischte er voller Wehmut über das Holzbrett der Schaukel. Tim überlegte kurz.
»Ich hab’s!«, er schnippte mit den Fingern und stemmte die Hände in die Hüften. »Ist doch ganz einfach! Drauf setzen kannst du dich dich, oder?«
Der Ritter nickte verwirrt. Was hatte der Junge vor?
Tim stellte sich hinter die Schaukel und griff das Brett mit beiden Händen.
»Na dann setz dich und überlass den Rest mir.«
Die Augen des Ritters wurden groß, dann seufzte er erneut.
»Mit meiner Rüstung passe ich doch nie zwischen die Ketten.«
Tim runzelte die Stirn und zeigte auf den Helm. Sein Mund verzog sich zu einem schelmischen Lächeln.
»Wenn du deinen Helm ablegen kannst, kannst du auch deine Rüstung ablegen, oder?«
Der Ritter lächelte über die Schlauheit des Jungen.
»Ja, das sollte gehen.«
»Na dann runter mit der Rüstung!«
Gesagt, getan. Kurz darauf lagen Brustpanzer, Kettenhemd, Handschuhe und Beinteile auf dem Boden. Granifante schaute aufgeregt zu seinem Herren. Dieser setzte sich in Leinenhemd, Beinlingen und seiner weiten, weißen Unterhose aufs Brett und griff nach den Ketten. Er strahlte.
»Passt!«, sagte er und Tränen des Glücks sammelten sich in seinen Augen.
»Bereit?», fragte Tim und brachte sich hinter der Schaukel in Stellung. Der Ritter nickte. Da stieß Tim die Schaukel so fest an, wie er nur konnte und Ritter Siggi auf dem Brett flog nach vorne, hoch bis zu den Sternen. Der Alte Geist lachte laut und aus vollem Herzen. So stieß Tim die Schaukel wieder und wieder an. Siggi konnte es kaum fassen! Er schaukelte tatsächlich! Das er das nach all seinen Geisterjahren noch erleben durfte! Was für ein Abenteuer! Grantifante neben ihnen tippelte vor Freude über das Glück seines Herren aufgeregt auf der Stelle. Der Ritter und sein Pferdchen leuchteten richtig von Innen heraus! So stieß Tim die Schaukel weiter an, bis plötzlich die Stimme einer Frau durch die Nacht rief: »Tim? Tim! Bist du hier?«
Tim drehte sich um und rief in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war: »Mama! Ich bin hier!«
Er rannte ihr entgegen, als seine Mutter den Weg entlang gelaufen kam. Sie nahm ihren Tim erleichtert in die Arme.
»Ach, was machst du nur für Sachen!«
»Ich habe Ritter Siggi beim Schaukeln geholfen«, sagte er aufgeregt und zeigte auf den Spielplatz. Doch der Ritter war verschwunden. Ebenso sein Pferdchen, seine Rüstung, sein Helm und sein Schild. Tim runzelte die Stirn.
»Du und deine blühende Fantasie«, sagte seine Mutter, stand auf und wuschelte mit der Hand durch seine Haare. »Lass uns gehen, es ist schon spät.«
So verließen die beiden Hand in Hand den Friedhof. Tim drehte sich noch ein paar Mal zur Schaukel um, doch Ritter Siggi war verschwunden. Wohin war er nur gegangen?
Kommentar der Autorin: Die Geschichten aus dem Schreibglas begannen Ende 2023 mit einer kreativen Schreib-Challenge auf Social Media. Ich schreibe eine Kurzgeschichte aus 5 Wörtern mit: »Genre, Hauptfigur, Ort/ Welt, Konflikt & irgendwas anderem». Seitdem steht ein hübsches Glas mit rot-weiß kariertem Deckel auf meinem Schreibtisch, gefüllt mit Worten auf bunten Zetteln. Die Geschichte »Tim, Ritter Siggi und der weltgrößte Friedhof« ist die 4. Geschichte aus dem Glas. Diese veröffentlichte ich vom 24. Juni 2024 bis 30. September 2025 erstmals in einer Kurzfassung bei story one online. Seit dem 1. April 2026 gibt nun die überarbeitete längere Fassung.
Schreibglas-Worte: Gute-Nacht-Geschichte | eine alte Schaukel | ein tollpatschiger Ritter | ein unerfüllter Lebenstraum | Friedhof
Autorin: Christin Peschke, Lektorat: Christin Peschke, Korrektorat: Christin Peschke
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